KaraHane - Schwarzzelte als temporäre mobile Behausungen für Archäologen in trockenen heißen Regionen
Belevi, ein Dorf nahe Selçuk in der Westtürkei: Dies war der Ort meiner Ferialarbeit für die Archäologie und ein Ort des Zusammentreffens zweier interessanter Themen: So erzählte mir ein türkischer Arbeitskollege, wie die hiesigen Schwarzzelte der Yörüknomaden Geheimnisse in sich tragen, die dem Menschen helfen, mit Hitze, Regen, Staub und Wind zurechtzukommen.
Gleichzeitig erfuhr ich vom Wunsch einiger Archäologen, kostengünstige mobile Forschungshäuser zu entwickeln, um weit entlegene Fundstätten erreichen zu können. Bald darauf wurde mir bewusst, dass gerade diese zwei Aspekte vereinbar sind. Das war der Anfang meiner Diplomarbeit und einer Entdeckungsreise in eine andere Welt.

Die zuweilen wenig bekannten Schwarzzelte sind mobile Behausungen verschiedenster Nomadenstämme von Nordwestafrika über den arabischen und persischen Raum bis hin zu Tibet und waren der Menschheit bis heute ein bedeutsamer Begleiter in trockenen heißen Regionen. Der besondere Schwarzzeltstoff, die Membran der Zelte, verleiht ihnen Form, Farbe und Namen. Seit über 5 000 Jahren ermöglichte das Schwarzzelt den Nomadenstämmen, Wüsten und Berge mit all ihren Unannehmlichkeiten zu erobern. Aufgrund des vergänglichen Baumaterials gibt es kaum archäologische Funde von Schwarzzelten, doch alte Schriften und Bemerkungen in religiösen Texten belegen ihre lange Existenz. Allgemein glaubt man, die Wurzeln des Schwarzzeltes im arabischen Raum zu finden, manche Theorien lassen jedoch dessen Ursprung vielmehr im persischen Raum nahe Baluchistan vermuten.

Der Schwarzzeltstoff, bestehend aus handgesponnenem dicken Garn vom schwarzen Haar der Wüstenziege und gewoben in einfacher Leinwandbindung, ist so grobporig, dass man einen Strohhalm durch das Gewebe ziehen könnte. Zahlreiche Berichte Reisender erwähnen seine Regenundurchlässigkeit und die Fähigkeit, die Temperatur des Zeltinnenraumes bei heißen Klimaten beträchtlich zu reduzieren. Die materielle Erscheinungsform des Gewebes steht hier scheinbar im Widerspruch zu seiner Wirksamkeit. In Anlehnung an diese Berichte führte ich an der Technischen Universität Wien mehrere technische Versuchsreihen am Gewebe durch.
Vieles verhalf mir zu dieser besonderen Chance: Ein türkischer Freund schenkte mir mehrere Stoffproben und erhandelte für mich ein echtes Schwarzzelt von Yörüknomaden. Das Institut für Baustofflehre stellte mir einen Versuchsraum zur Verfügung, wo ich unter anderem eine Regensimulationsmaschine bauen konnte. Mit deren normgerechten Beregnung wurde das Verhalten des Gewebes im Regen gemessen und analysiert. Die Resultate lieferten die Möglichkeit einer Erklärung für das Phänomen der Regenundurchlässigkeit. Darüber hinaus konnte ich durch das erstandene Schwarzzelt, zahlreiche Reisen zu Nomaden und eingehende literarische Recherchen ein Profil für den rätselhaften Stoff und das Zelt erstellen:

Das Schwarzzelt funktioniert nicht im offensichtlichen Widerstand, sondern in der subtilen Annahme der Umgebung. So nimmt es Hitze auf, um Hitze abzuführen. Der schwarze Ziegenhaarstoff wandelt das Licht zur Gänze in Wärme um und führt diese durch seine großen Poren sofort wieder an die Außenluft ab. Der Innenraum bleibt kühl, trocken und gleichmäßig durchlüftet. Die Poren spenden das wenige Licht, das der Mensch zum Sehen braucht. Und es nimmt Regen auf, um Regen abzuführen. Das Garn saugt das Wasser ein, quillt auf, schließt seine Poren und führt die Flüssigkeit in seiner Gewebeebene über Dach und Wand zum Außenboden ab. Kein Tropfen dringt ins Rauminnere. Rauch von Feuerstellen entweicht ungehindert durch die Zelthaut und zieht vertikal ab. Die Partikel im Rauch setzen sich im Stoff fest und verleihen ihm Feuerresistenz und Imprägnierung. Bei starkem Wind bewährt sich die wirksame Konstruktion des Zeltes durch seine hohe Standfestigkeit, während die Zelthaut den böigen Druck bremst und einen gleichmäßig leichten Luftstrom im Inneren zulässt, der der Kühlung dient. Die Technologie des Schwarzzeltes ist bis heute unübertroffen. Durch das Verstehen und Begreifen traditioneller Bauten lässt sich eine Basis für moderne Entwicklung finden. Das Schwarzzelt stellt für mich die Basis des Vorschlags einer mobilen Forschungssiedlung für Archäologen in trockenen heißen Regionen dar. Diesen Vorschlag dokumentiere ich aufgrund praktischer Erfahrung in Arbeit und Alltag der Feldforschung und präsentiere Analysen in Aspekten wie Teamgrößen, Raum- und Wegschemata, Materialvarianten, Ausstattung, Anschaffung und Kosten, Transport und Aufbau, Tages- und Saisonabläufen, sowie Instandhaltung und Erweiterung. Abseits von diesem Vorschlag stehen dem Schwarzzelt und seiner Technologie noch viel mehr Anwendungsmöglichkeiten zu Verfügung, wie dies auch bisher schon immer der Fall war.
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Ambrosch
Kristina
Betreuung:
Lehner